Beikost ist ein Arschloch

Mein Mann sagt, ich soll endlich diese Kraftausdrücke lassen. “Sowas kannst du doch nicht schreiben! Und dann auch noch als Überschrift. Beikost ist ein Arschloch? Warum musst du jedes Thema so aggressiv formulieren?” Jaaaa, weil’s halt stimmt!

Liebe Beikost, du hast mir lange genug den letzten Nerv geraubt und ich handhabe das mit dem Essen meines Kindes jetzt so wie ich das für richtig halte.

Der Arzt bei der U5 so: “Haben Sie denn schon mit Beikost angefangen? Ich würde Ihnen so langsam dringend das Abstillen empfehlen.” Ach weißt du was, leck mich doch! Mein Kind ist damals sechs Monate alt gewesen und ich hätte mich nicht von allen Seiten so unter Druck setzen lassen sollen. Denn Lilly war definitiv noch nicht bereit für Beikost, egal in welcher Form.

Nach dem vierten Monat haben wir unser Baby das erste Mal Brei probieren lassen. Ganz trendbewusst Pastinake. Kürbis war auch im Gespräch, aber das war mir wohl für den Anfang zu hip. Stichwort Mitläufer. Total bescheuert, dass man sich solche Gedanken über Gemüse macht: Zu hip, zu normal, zu exotisch, zu langweilig. Geht’s noch?

Warum haben wir uns eigentlich dazu verleiten lassen, so früh mit Brei anzufangen? Muttermilch ist doch erstmal völlig ausreichend! Na, weil auf diesem blöden Gläschen steht, “nach dem 4. Monat”. Das suggeriert ja geradezu: Wer jetzt nicht schon die Beikost einführt, riskiert sein Kind verhungern zu lassen. Natürlich wussten wir als Eltern, dass das völliger Quatsch ist, aber die Restzweifel blieben im Hinterkopf.

Außerdem waren wir so aufgeregt und wollten unbedingt, dass Lilly die nächsten Meilensteine innerhalb der vorgegebenen Zeitfenster erreicht. Dazu gehört eben auch die Beikost. Und ja, wir wollten selbstverständlich endlich sehen wie sie ihr Gesicht beim ersten Löffelchen Brei verzieht und sich schüttelt angesichts dieser völlig neuen Erfahrung. “Mein Kind isst schon Brei – und zwar ein ganzes großes Gläschen am Tag!” Ach was, muss mich das interessieren?

Ich bin schon wieder so schnippisch, stimmt’s? Ich meine es auch gar nicht böse. Normalerweise bin ich entspannt und tolerant und liebenswürdig noch dazu. (Hat sie das jetzt echt über sich selbst gesagt?) Was ich mit meinem harschen Ton versuche auszudrücken: Eltern, scheißt auf Meilensteine, Statistik-Kurven und den Druck von Außen. Es handelt sich um Richtwerte und diese sollten, nein, dürfen euch im Normalfall nicht verunsichern!

Denn genau das haben sie bei mir bewirkt: Mich jeden Tag auf’s Neue verunsichert und oft tat ich dann lieber gar nichts, bevor ich es riskierte, etwas falsch zu machen. Sprich: Soll ich mein Kind nun Essen vom Tisch probieren lassen oder nicht? Keine Ahnung, also lass ich es. Unsinn! Die Zeit kommt, da wird es sich völlig natürlich anfühlen, sein Kind mitessen zu lassen.

Dass Lilly mit fünf Monaten noch nicht beikostfähig war, haben wir Gottseidank recht schnell gecheckt. Woran wir das gemerkt haben? Schwierig zu sagen. Ein Gefühl? Runtergeschluckt hatte sie den Brei ja, aber sie empfand offensichtlich keine Freude dabei. Für mich war das eigentlich ein offensichtliches Zeichen. Essen soll doch Spaß machen und kein Zwang sein. Zumal Beikost zum Testen und Ausprobieren gedacht ist und erstmal nicht satt machen muss.

Bevor Lilly zur Welt kam, dachte ich, ich würde eine dieser Mütter werden, die alles selbst garen und mit Liebe zubereiten. Gläschen? Wer macht denn sowas? #Rabenmütter! ICH mache sowas! Oh Gott, das wird mein großes Coming-Out! “Du kochst nicht selbst Brei ein? Okaaay, naja, kann ja jeder machen, was er will.” Erzählt mir nichts: Ich kenne diese Denkweise hinter vorgehaltener Hand.

Zunächst hatte ich für meine Tochter den Brei selbst zubereitet, sogar im Thermomix, wie es sich für eine Vorstadt-Mutter gehört. Du schälst eine Karotte, legst diese in das Wunder-Gerät und kippst ein Tröpfchen Öl dazu. Den Rest lässt du vom Thermi erledigen. Total einfach!

Und dann setzt du dein Kind Tag für Tag hin und … es isst den Scheiß nicht. Und wenn, würgt es ein paar Löffelchen hinunter und möchte dann wieder an die Brust. Beikost, du bist ein Arschloch!

Was also tun? Ich weiß von vielen Diskussionsrunden auf Instagram, dass die meisten Eltern entweder weiter ehrgeizig versuchen, diesen doofen Brei mit allen Tricks in das kleine Mündchen ihres Babys zu schummeln oder, Variante zwei, auf BLW, also Baby-led Weaning, umsteigen. Das heißt, das Baby darf sich jeden Tag in den Hochstuhl setzen und das Essen selbst ertasten, in den Mund stecken, sich verschlucken und von oben bis unten einsauen, um seine kulinarischen Grenzen ganz zwanglos kennenzulernen. Nach dem ersten Mal BLW mit Kartoffel stand für mich fest: Einmal und nie wieder! Die BLWler unter euch mögen es mir bitte verzeihen. Das Konzept ist super, aber allein das ständige Verschlucken machten meine Nerven leider nicht mit.

Nicht, dass ich nicht beides mit gutem Willen versucht hätte, aber für mich kam dann doch eher Variante drei in Frage: Abwarten und Tee trinken, besser gesagt, Muttermilch. Ich ließ die genormten Vorgaben schließlich hinter mir und beschloss für mein Baby, dass feste Nahrung ruhig noch ein paar Monate warten dürfte. Das hieß, dass ich Lilly weiterhin nur die Brust gab. So what?!

Erst nachdem sich mit über sieben Monaten die ersten zwei Zähnchen ihren Weg durch das untere Zahnfleisch gebahnt hatten, rückte Beikost wieder in unseren Fokus.

Doch all die Gebote und Verbote, welche Lebensmittel man einem Baby geben müsse und welche tunlichst zu vermeiden waren, schreckten mich erneut ab.

Kein Salz, kein Zucker, kein Honig, keine Gewürze, kein Brot. Himmel, was bleibt denn da übrig, wenn man ursprünglich den Wunsch hatte, sein Kind ganz selbstverständlich am Familientisch mitessen zu lassen? Sag ich euch! Pure Verunsicherung. “Darf ich jetzt oder soll ich lieber nicht und was wenn und oh Gott und … Hilfeeeee!”

Während unseres einwöchigen Familienurlaubs am Gardasee, stellte ich meiner Instagram-Community endlich erneut die entscheidende Frage: Ab wann dürfen Kinder eigentlich Brot essen und ab wann habt ihr es ihnen einfach gegeben? Offiziell ab zehn/elf Monaten. Inoffiziell taten dies bereits die meisten. Es landete ohnehin nicht viel im Magen. Da hatten sie recht!

Jo, danke Leute, von da an ließ ich meine Hemmungen bezüglich Beikost komplett fallen. Ich tat es einfach nur noch so wie ich es für richtig hielt. “Möchten Sie ein Stück Pizza, Madame? Darf ich Ihnen den Hauswein dazu reichen?” Nein, Spaß! Ganz so hemmungslos auch wieder nicht *Hust*.

Lilly ist jetzt knapp acht Monate alt und bei uns läuft es fortan zwanglos und ohne feste Zeiten so: Wenn sie möchte oder es einfach praktischer ist, gebe ich ihr die Brust. Meistens ist das Morgens, Abends, Nachts und zwischendurch. Mittags biete ich ihr verschiedenen Brei aus Gläschen an und wenn wir kochen, kochen wir ganz normal wie vorher auch. Ich lasse weder Salz, noch Pfeffer weg, sondern koche wie gehabt. Wir überwürzen unser Essen allerdings ohnehin nicht. Ich lutsche ihr sehr kleine Stückchen zurecht oder zerdrücke die Mahlzeit etwas mit dem Löffelchen. Die Portionen kann sie also nicht verschlucken und die Gewürze lecke ich vorher ab, sofern diese meiner Meinung nach zu stark sind (z.B. wenn wir zum Grillen eingeladen sind). Mmhh, yummy, denkt ihr euch jetzt. Gerade stelle ich mir eure Gesichter mit meinem Bild vor Augen vor, wie ich meiner Tochter die Gewürze vom Essen lecke, und muss wirklich selbst herzhaft über mich lachen! Das mit dem “Ablutschen” klingt, glaube ich, ekliger als es wirklich ist! Lilly isst ja nur ein paar Happen und spuckt den Rest wieder aus, sobald sie satt ist.

Die Beiskosteinführung war für mich als Mutter eine stressige Angelegenheit. Rückwirkend betrachtet, glaube ich, hätte ich mich nach den ersten Brei- und BLW-Versuchen einfach getraut, noch ein paar Monate mit fester Nahrung zu warten, würde ich hier die Beikost nicht als “Arschloch” beschimpfen. Ich hoffe sowieso, dass klar ist, dass ich hier Vieles mit einem freundlich ironischen Augenzwinkern schreibe.

Trotzdem bin ich mir sicher, dass viele Mamas und Papas mit der Beikost auf Kriegsfuß stehen und sich täglich darüber ärgern, dass die Nahrungsaufnahme ihrer Sprösslinge plötzlich zur Wissenschaft wird. Dabei sollte Essen bei keinem Familienmitglied Stress auslösen. Ganz im Gegenteil: Es ist etwas wunderbar Sinnliches und sollte ganz natürlich von statten gehen. Ob eure Babys nun mit fünf Monaten bereits genüsslich Gläschen voller Brei verschlingen oder erst mit acht Monaten. Ob ihr strikte BLWler seid oder Eltern, die eben ganz unkompliziert Brei füttern. Oder ob ihr es wiederum wie wir macht, nämlich alles in einer Mischform – die Hauptsache ist, dass ALLE dabei glücklich sind.

Und die Moral von der Geschicht’? Schlechte Esser gibt es nicht!

Ich würde mich über Kommentare freuen, welchem Team ihr angehört (Brei, BLW, Mischform oder etwas ganz andres) und ob euch dieser ganze Beikost-Affenzirkus auch so gestresst hat wie mich? Teilt hier auch gern ganz allgemein eure Gedanken zum Thema “Beikost” mit mir. Waren eure Kleinen vielleicht auch noch zu jung für den Beikoststart etc.

Eure (nun wieder sehr entspannte) Jananibe

2017-07-10T16:06:34+00:00

10 Comments

  1. Kate 10. Juli 2017 at 17:00 - Reply

    Hallo 🙂 schöner Beitrag.
    Mir bammelt es ehrlich gesagt davor. Mein kleiner ist nun fast 3 Monate und ich weiß nicht so recht wie ich das alles umsetzen soll. Ich glaube ich werd mich einfach auf mein Gefühl verlassen. Wenn er nicht mag gibt’s halt weiter hin Milch, bis er dann wirklich soweit ist , so wie bei dir. Doof, das wir Eltern uns mit diesem ganzen Quatsch so einen Stress machen. Mich nervt auch dieser ganze Druck von anderen – dieses “also ich mach das so und das ist viel besser” und “wie kannst du nur sowas bei deinem Kind machen” Ach, im Endeffekt ist doch jedes Kind anders und auch jede Familiensituation so individuell. Warum meine die Leute sich immer ein Urteil darüber bilden zu müssen wenn sie selbst nicht drin stecken oder einen überhaupt nicht kennen. Hast alles richtig gemacht 🙂 Das hat man im Gefühl als Mama oder Papa was gut und richtig ist für sein Kind! Scheiss drauf, was die anderen sagen 😉

    • Jana Berger 11. Juli 2017 at 11:18 - Reply

      Liebe Kate, das ist genau die richtige Einstellung. Du darfst die Beikosteinführung ruhig entspannt angehen und von meinen Fehlern lernen. Muttermilch oder Pre- ist immer erstmal ok und alles andere siehst du dann schon. Immer wieder ausprobieren! Super, wenn dein Baby dann schon so weit ist – wenn nicht, darf man das auch ruhig zugeben. Ich glaube auch an den Mutterinstinkt/Vaterinstinkt, denn wir verbringen ja die meiste Zeit mit unseren Kleinen. Danke für deinen Kommentar LG Jana

  2. Natalia 10. Juli 2017 at 18:43 - Reply

    Hey 🙂
    Leon wird jetzt in ca 2 Wochen 5 Monate alt und ich mache mir gar keinen Stress was Beikost angeht. Habe ihn bisher an einem Stück Wassermelone lutschen lassen und auch schon ne Brotkruste in die Hand gedrückt (wusste allerdings nicht dass man das erst so spät gibt wie du geschrieben hast ). Er wäre bereit für Brei & Co, in unserem Fall bin ICH die jenige die nicht bereit ist ich mein, wie schnell geht das denn bitte?! Naja mal schauen wann ich saa Bedürfnis verspüre ihm mal ne Karotte zu garen & pürieren oder ein Gläschen probieren zu lassen…. Nen Mischmasch aus allem find ich persönlich auch am Besten! Grüßchen

    • Jana Berger 11. Juli 2017 at 11:23 - Reply

      Liebe Natalia, ohja, du hast Recht! Sie werden einfach zu schnell groß … wie soll man da mithalten emotional? Aber das ist doch alles genau richtig, wie du es machst. mit 5/6 Monaten haben Babys, meiner Meinung nach, doch noch alle Zeit der Welt. Das merkt man schon, wenn die reifer werden und dir das Essen förmlich aus den Händen reißen. Lilly packt sich jetzt alles wo sie hinkommt. Brotkruste ist sowieso in Ordnung, Brot wirklich als vollwertige Nahrung zu füttern, ist wohl erst etwas später “erlaubt”. Aber was landet denn bitte davon im Magen. Bei Lilly mit acht Monaten fällt das meiste sowieso daneben. Liebe Grüße Jana

  3. Lara 10. Juli 2017 at 19:18 - Reply

    Du sprichst mir aus der Seele!! Vielen vielen Dank für diesen tollen Blogpost. Davon abgesehen, dass er unheimlich gut geschrieben ist, nimmt er mir ein wenig die Angst und Unsicherheit und macht mir wieder Mut, was das Thema Beikost angeht. Meine kleine ist fast sechs Monate und fängt aus voller Kehle an zu schreien und zu würgen, sobald der Brei oder das Stückchen Karotte auch nur ihre Lippen berührt. Und ich sitze die ganze Zeit den Tränen nahe daneben und denke “Aber sie muss doch!” Nein, muss sie eben nicht! Sie ist einfach noch nicht so weit. es war schön, das gerade in deinem Post gelesen zu haben. Jetzt fühle ich mich nicht mehr ganz so schlecht, wenn wir einfach noch zwei, drei Wochen abwarten, bevor wir es nochmal probieren.
    Viele Grüße

    • Jana Berger 11. Juli 2017 at 11:36 - Reply

      Liebe Lara, ich danke dir für deine lieben Worte. Genau das wollte ich erreichen, anderen die Unsicherheit zu nehmen. Deswegen freut es mich besonders, dass das wohl geklappt hat. Also deine Kleine MUSS auf gar keinen Fall etwas, was sie nicht möchte nur weil viele der Meinung sind, Beikost muss ab fünf Monaten reibungslos klappen. Bin mir ziemlich sicher, dass all unsere Kinder eines Tages ganz freiwillig essen werden. Sag mir gern nochmal Bescheid, ob es in ein paar Wochen mit der Beikost besser klappt. Liebe Grüße Jana

  4. Micha 10. Juli 2017 at 20:01 - Reply

    Wow du bist so toll wie du das immer alles machst. Du bist ein echtes Vorbild für mich geworden

    • Jana Berger 12. Juli 2017 at 09:14 - Reply

      Mein Mann, wie er mich immer verarscht. Danke Schatz, ich weiß, dass ich ein echtes Vorbild für dich bin. Ich liebe dich, du Scherzkeks <3

  5. Daniela 10. Juli 2017 at 20:28 - Reply

    Ich liebe deine Art wie du schreibst!!! Und du sprichst mir so aus der Seele.. ich wurde von allen Seiten voll gequatscht, dass ich Luisa doch endlich Brei geben soll.. sie ist doch schon über 6 Monate.. ich habe aber auf die Beikostreifezeichen geachtet und sie war es einfach noch nicht.. dann irgendwann hab ich auch Brei mit dem thermomix gekocht.. den wollte sie aber nicht!!! Dann hab ich ihr gegarte Karotte hingelegt.. fand sie auch nicht so geil.. dann hab ich auch einfach noch einen Moment gewartet.. mittlerweile isst sie Brei aus dem Gläschen, zwar noch nicht viel, aber immerhin etwas.. ich Rabenmutter koche aktuell nicht selbst 😉 bei den geringen Mengen, die sie isst lohnt es sich noch nicht.. aber ich fasse mich kurz: wir sind auch die, die alles durcheinander machen.. hauptsächlich wird sie noch gestillt, dann gibts mal ein Stückchen Brot, Brei und an diversen Sachen wie Erdbeere darf sie mal nuckeln und lutschen 🙂

    • Jana Berger 11. Juli 2017 at 11:39 - Reply

      Liebe Daniela, oh dankeschön!!! Richtig, das mit dem Brei selbst Kochen habe ich wegen der geringen Mengen auch irgendwann aufgegeben. Zumal Lilly vieles auch nicht geschmeckt hat und davon wollte ich dann keine fünf Kilo im Gefrierfach haben. Jetzt gibt es ja Brei aus dem Gläschen plus unser normales Essen. Stillen tue ich auch noch viel, obwohl es immer weniger wird von Monat zu Monat. Viel Glück weiterhin! Liebe Grüße Jana

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